Stadio Mario Rigamonti, Brescia   Leave a comment

Sonntag, 13.11.2011, 15:00
Stadio Mario Rigamonti, Brescia
Brescia Calcio – Ascoli Calcio 0:1 (0:1)

Fassungsvermögen: 23.072 Zuschauer

In Deutschland bahnte sich ein spielfreies Wochenende an, vorbeugend wurden bereits einige Wochen vor der Länderspielpause die bekannten Matchkalender nach einer ansprechenden Tour durchwühlt. Mit der auf Sonntag angesetzten italienischen Serie B-Partie zwischen Brescia Calcio und Ascoli fand sich schnell ein aus Fansicht annehmbarer Kick auf meinem Notizzettel wieder. Bald entpuppte sich auch ein vermeintlicher Mitstreiter für das Wochenende, sodass zum Schnäppchenpreis Flüge über den alten Militärflughafen Weeze nach Mailand/Bergamo und zurück ohne weiteres Zögern gebucht werden konnten und dem Trip in die Lombardei nichts mehr im Wege stand. Doch erstens kommt es wie jeder weiß anders, und zweitens als man denkt, denn leider verabschiedete sich mein Mitflieger kurzfristig, sodass es auch keinen Ersatzmann mehr zu finden gab.

Nicht lange musste ich überlegen, denn sofort war klar, dass das geplante Wochenende trotz der Unzuverlässigkeit einer Person zustande kommen wird. Also samstags in den Flieger zum „Aeroporto internazionale di Orio al Serio“ gesetzt und von dort mit dem Shuttle-Bus nach Bergamo gedüst. Nach einer kurzweiligen Runde durch die tief verfeindete Stadt Brescias, machte ich mich dann mit dem Zug in die mit knapp 200.000 Einwohner starke, nach Mailand, zweitgrößte Stadt der Lombardei. Eine Fahrkarte für diese Strecke (etwa eine Stunde Fahrt) gibt es bereits für 4,45 Euro am Schalter zu kaufen – die italienischen Billetts sind im Verhältnis zu den deutschen relativ erschwinglich.

Als ich im Bahnhof von Brescia ankam, galt es für mich zu aller erst den richtigen Tabakladen für mein Ticket am Sonntag zu finden. Der Weg zu diesem wurde mir auch von einem Brescianer ausführlich erklärt. Normalerweise kann man sein Ticket gegen Vorlage des Ausweises in einem Eckladen in der Via Veneto kaufen. Dies erspart einem zumindest die Warteschlange vor den Kassenhäuschen am Spieltag, wenn denn welche geöffnet haben. Zudem sind die Karten im Vorverkauf einige Euro günstiger. Doch da der Tabakladen sein Kontingent an Eintrittskarten für die anstehende Partie bereits erschöpft hatte, fuhr der Besitzer mich mit seinem Auto kurzerhand zu einem Barbier in der Nähe, der ebenfalls im Vorverkauf Karten vertickt. Das nenne ich Gastfreundlichkeit! Einer seiner Kunden musste vorerst auf seine Rasur warten und ich bekam eine Stehplatzkarte für den akzeptablen Preis von zehn Euro überreicht.

Einige Zeit später erfuhr ich, dass der ältere, nette Mann, der mich zu dem Barbier fuhr, nicht ganz unwissend über die örtliche Ultraszene war. Er fragte mich über meine Herkunft und meinen Verein, worüber wir in das Gespräch kamen und ich die Information erhielt, dass zu dem Spiel am nächsten Tag auch einige Magic Fans aus St. Etienne den Weg nach Brescia auf sich genommen haben. Die Freundschaft zwischen der Gruppe Brescia 1911 (Gründungsjahr des Clubs) aus der Curva Nord und der Ultragruppierung Magic Fans 91 besteht bereits über viele Jahre. Gegenseitige Besuche sind daher keine Seltenheit. Dies bestätigte sich dann auch mit dem Blick in die Curva Nord am nächsten Tag, denn die Auswärtsfahne der MF 91 hing an der Brüstung. Weitere Gäste waren zudem aus Milan gekommen. Die rot-schwarzen Tifosi aus der Curva Sud gelten neben den Freunden aus Salerno (Salernitana Calcio) zu den größten Verbündeten und als feste Städtepartnerschaft. Übrigens pflegen auch einige Nürnberger Ultras Kontakte zu den Brescianern, hauptsächlich zur Gruppe „Brixia“ (lateinischer Name für die Stadt Brescia). Dies ist von belang, denn die örtliche Fanszene ist in mehrere Gruppen gespalten und auch wenn mittlerweile durch die gesperrte Curva Sud, alle in einer Kurve, der Curva Nord, stehen, sind die Meinungen zu den Freundschaften und dem Einfluss von Politik in Stadien sehr unterschiedlich. Mehr Informationen zu den Kontakten zwischen UN und „Brixia“ findet man in der Ya Basta! (Fanzine der UN 94) Ausgabe 22, in der unter anderem ein Interview mit dem Capo und Mitbegründer der Gruppe „Brixia“ zu finden ist.

Während die Ultras aus der Curva Sud eher als national eingestellt gelten, sind die Gruppen der Curva Nord größtenteils unpolitisch. Von Beginn an war es also interessant zu beobachten, wie sich die Gruppen mit den unterschiedlichen Auffassungen untereinander verständigen und ob sie in Sachen Support an einem Strang ziehen. Besonders deswegen, weil es im, mit rund 4.500 Zuschauern, nur sehr spärlich besuchten Stadio Mario Rigamonti an diesem Tag leider keine Gästefans aus Ascoli Piceno gab. Die allseits bekannte „Tessera del Tifoso“ hindert die Ultras derzeit an einem Spielbesuch in der Ferne, es sei denn, die Fahrer abonnieren eine Fankarte in der alle relevanten Daten über den Besitzer festgehalten werden und erfasst werden. Dies soll nach Auffassung der Verantwortlichen Ausschreitungen im italienischen Fußball verhindern, führte in der vergangenen Spielzeit allerdings vielmehr zu großer Verwirrung in den Stadien. Beispielsweise als Gästeanhänger urplötzlich in den Heimkurven Platz nahmen oder sich auf anderen Tribünen mit Karten versorgten. Inzwischen scheint diese Sicherheitslücke mit den personalisierten Tageskarten geschlossen zu sein. Der fade Beigeschmack der Repression bleibt und so sieht man in den Gästeblöcken der italienischen Stadien nur sehr selten Fans. Auch wenn inzwischen einige Ultragruppierungen die Tessera abonniert haben – der Großteil ist nach wie vor nicht bereit unter diesen Umständen die Spiele zu besuchen -, herrscht im Mutterland der Ultrabewegung ein unerträglicher Zustand.

Unbeeindruckt von diesen Gegebenheiten, die leider alles andere als normal sind, aber dennoch inzwischen trauriger Alltag für die Ultras geworden sind, startete die Curva Nord nach kurzem Gedenken an Gabriele Sandri (weitere Spruchbänder aus anderen Kurven: http://www.altravita.com/11-11-2007-in-erinnerung-an-gabriele-sandri.php), der am 11.11.2007 auf feige Weise im Auto sitzend durch einen Polizisten erschossen wurde, mit einigen Doppelhaltern und Fahnen, untermalt mit blauem Rauch in das Spiel. Die Freunde aus Milan positionierten sich im unteren Teil des Sektors und standen geschlossen hinter ihren mitgebrachten Zaunfahnen. Bei den Brescianern war von Beginn an zu sehen, dass die Gruppe „Brescia 1911“ sich mit ihrem Stil durchsetzen wollte, dieser allerdings selten von dem Rest der Kurve getragen wurde. Anders herum stimmten die Jungs dennoch in die anderen Gesänge mit ein. Für einen Außenstehenden, wie für mich, ein sehr seltsames Bild. Wenn man etwas genauer in die Kurve blickte, konnte man auch einige Curva Sud Schals erblicken, die ihre Heimat aus Sicherheitsgründen und der örtlichen Auflagen verlassen mussten. Insgesamt waren es in der Curva Nord wohl ein halbes Dutzend Vorsänger, die ihre Mannschaft und die Kurve nach vorne trieben. Teilweise erbrachte die Kurve so auch eine beachtliche Lautstärke. Besonders kurze Schlachtrufe hallten über das ganze Stadion bis in die umliegenden Berge. Äußerst beeindruckend war auch das Durchschnittsalter der Tifosi. Ein großer Teil war schätzungsweise bereits jenseits der 30 bzw. 40 Jahre. Genau dies macht den einzigartigen Geist in den italienischen Kurven, trotz aller Repressionen, bis heute aus. Denn es gab keinerlei Zweifel, dass die anwesenden Ultras ihre Mentalität leben und die Gesäng mit Passion und Herzblut erfüllen. Selbst ein 0:1-Rückstand und die drohende sechste Niederlage in sieben Spielen brachte die Kurve nicht zum Schweigen.

Das Intro zur zweiten Halbzeit sah eine kleine, simple Blockfahne vor und wie zu Beginn der ersten Halbzeit gab es Rauch und ein nettes Bild an Tifomaterialien für die Augen. Zu hören gab es während der ganzen Partie neben sehr melodischen und durchgängigen Gesängen mit mehrfachen Wiederholungen auch Hassgesänge gegen die Erzfeinde von Atalanta Bergamo. Gegen Ende der Partie und nach zahlreichen verpassten Chancen zum Ausgleichstreffer stieg der Unmut gegen die Mannschaft. Nach einem recht guten Saisonstart galt es zuletzt eine sportliche Bergfahrt zu ertragen. Die Mannschaft wurde dazu aufgefordert sich der Kurve zu stellen und einige „Leonessa“ klatschten kurz in die Kurve, bevor sie in der Kabine verschwanden. Danach wurden die befreundeten Gruppen aus Milan und St. Etienne mit Sprechrufen verabschiedet. Während die Freundschaft zu Milan von allen getragen wird, ist das Verhältnis zu St. Etienne von einigen Brescianern mit etwas Abstand bedacht.

Rundum war das Wochenende eine gelungene Abwechslung zu den heimischen Gefilden. Brescia hat neben dem Fußball auch noch eine Reihe an anderen Sehenswürdigkeiten wie beispielsweise das Castello oder generell die Altstadt, zu bieten. Es bietet sich daher an ein ganzes Wochenende in der Region zu verweilen. Zumal man mit den Verkehrsmitteln gut an die umliegenden Städte angebunden ist. Die Wahl sollte dann allerdings nicht unbedingt auf Bergamo fallen, denn dann bekommt man am Schalter des Bahnhofs doch sehr reges Unverständnis entgegengebracht.

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Veröffentlicht 15. November 2011 von stadionkult in Berichte, Neuigkeiten

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